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Am 9. November 1918, mitten im Chaos der Novemberrevolution, wird die Republik in Berlin zweimal an einem Tag ausgerufen, von zwei verschiedenen Männern, mit zwei völlig verschiedenen Visionen für Deutschland.
14:00 Uhr · vom Balkon des Reichstags
Parlamentarische Demokratie
„Es lebe die deutsche Republik!"
16:00 Uhr · vom Balkon des Stadtschlosses
Sozialistische Räterepublik
„Ich proklamiere die freie sozialistische Republik Deutschlands."
| Merkmal | Parlamentarische Demokratie | Rätesystem |
|---|---|---|
| Grundidee | repräsentativ | direkt |
| Wahl | individuell, Parteien | in Basiseinheiten (Betriebe, Wohngebiete), kollektiv |
| Vertretung | Abgeordnete im Parlament | Räte in Pyramidenstruktur, keine Parteien |
| Mandat | frei, feste Amtszeit | imperativ, jederzeit absetzbar |
| Gewaltenteilung | Legislative, Exekutive, Judikative | keine Gewaltenteilung |
Rat der Volksbeauftragten: MSPD und USPD bilden eine gemeinsame Übergangsregierung unter Friedrich Ebert. Eigentliches Ziel: Krieg beenden und eine verfassungsgebende Nationalversammlung wählen.
Ebert-Groener-Pakt (10.11.1918): Ebert verspricht der Obersten Heeresleitung, gegen linke Aufstände vorzugehen. Im Gegenzug stützt das Militär die Regierung. Folge: die monarchistisch geprägte Reichswehr wird nie wirklich reformiert.
Stinnes-Legien-Abkommen: Industrie und Gewerkschaften einigen sich. Acht-Stunden-Tag und Tarifautonomie ja, Verstaatlichung nein.
Reichsrätekongress (Dezember 1918): Die Mehrheit der Räte stimmt für eine Nationalversammlung, also gegen ein Rätesystem. Der Spartakusaufstand (Januar 1919) wird von Reichswehr und Freikorps blutig niedergeschlagen, Liebknecht und Luxemburg ermordet.
Die doppelte Ausrufung zeigt, dass die Weimarer Republik von Anfang an umkämpft war. Sie hatte Feinde von links (Räterepublik) und später von rechts. Ebert und die SPD entschieden sich gegen die Räterepublik, aber der Pakt mit den alten Eliten (Militär, Industrie) führte dazu, dass die Republik ohne echte Republikaner an wichtigen Schaltstellen startete. Genau dieses Erblast wird später bei der Zerstörung der Republik wichtig.
Nach dem Waffenstillstand vom 11.11.1918 verhandeln die Siegermächte ohne Deutschland in den Pariser Vororten. Die Deutschen erhoffen sich einen milden Frieden auf Basis von Wilsons 14 Punkten. Was sie bekommen, ist ein Diktatfrieden.
Karikatur Simplicissimus, Plakat „Protestiert!"
Historische Forschung
Wichtig: Der Vertrag wirkt härter, als er objektiv war, aber das ist beinahe egal. Die subjektive Wahrnehmung als Demütigung wird von den Gegnern der Republik (vor allem von der NSDAP) gezielt instrumentalisiert. Hitler verspricht die Aufhebung des Vertrages und macht damit Stimmung. Der Vertrag ist also weniger durch seine Bestimmungen, sondern durch seine politische Wirkung ein Belastungsfaktor für die Republik.
Die Nationalversammlung tagt im Theater von Weimar (Berlin ist zu unruhig) und beschließt eine moderne, fortschrittliche Verfassung. Sie enthält jedoch einige Konstruktionsfehler, die später bei der Zerstörung der Republik eine Rolle spielen.
Jede noch so kleine Splitterpartei kommt in den Reichstag. Folge: bis zu 16 Parteien gleichzeitig, Mehrheitsbildung extrem schwer, häufige Regierungswechsel.
Direkt vom Volk gewählt, kann den Reichstag auflösen, ernennt und entlässt den Reichskanzler, ist Oberbefehlshaber der Reichswehr, kann per Artikel 48 Notverordnungen erlassen, also Gesetze ohne Reichstag. Diese Macht wird ab 1930 systematisch zur Aushöhlung der Demokratie genutzt.
Der Reichskanzler ist vom Vertrauen des Reichspräsidenten abhängig, nicht primär vom Reichstag.
Grundrechte können per Artikel 48 außer Kraft gesetzt werden. Sie sind nicht unantastbar wie heute im Grundgesetz.
Preußen umfasst rund zwei Drittel des Reichsgebiets. Wer Preußen kontrolliert, kontrolliert Deutschland (siehe Preußenschlag 1932).
Der Reichspräsident kann bei „erheblicher Störung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung" Notverordnungen erlassen, Grundrechte aussetzen und die Reichswehr einsetzen. Gedacht als Ausnahme. Wird ab 1930 zur Regel: 1930 noch 5 Notverordnungen, 1932 schon 66.
Das Parteienspektrum reicht von kommunistisch bis nationalsozialistisch. Drei Parteien (SPD, Zentrum, DDP) bilden die Weimarer Koalition, die als die Verfassungsparteien oder Republikaner gelten. Andere stehen der Demokratie kritisch oder feindlich gegenüber.
| Partei | Position | Verfassung & Staatsform | Haltung zur Republik |
|---|---|---|---|
| KPD | radikal links | proletarische Diktatur, zentralistische Rätedemokratie, Bündnis mit UdSSR | republikfeindlich, will Räterepublik |
| SPD | links | Einheitsrepublik, parlamentarische Demokratie, republiktreue Reichswehr | Verfassungspartei, Republikaner |
| DDP | linksliberal | Volks- und Rechtsstaat, gleiches Recht für alle, Berufsbeamtentum | Verfassungspartei, Republikaner |
| Zentrum | katholisch, Mitte | starke Exekutive, gegen gewaltsamen Umsturz, Reichswehr als Bestandteil der Republik | Verfassungspartei, Republikaner |
| DVP | rechtsliberal | starke Staatsgewalt, Wiedererrichtung des Kaisertums per Volksbeschluss | monarchistisch, Vernunftrepublikaner |
| DNVP | rechts, deutschnational | Monarchie über den Parteien, starke Exekutive, Wehrpflicht zurück | republikfeindlich, monarchistisch |
| NSDAP | rechtsextrem | starke Zentralgewalt, Diktatur, Staatsbürger nur „Volksgenossen deutschen Blutes" | republikfeindlich, totalitär |
Beurteilung des Zitats „Sie können sich winden, wie sie wollen: dafür sind sie verantwortlich!": Hitler nutzt eine rhetorisch wirkungsvolle Vereinfachung. Tatsächlich tragen die Weimarer Parteien zwar Mitverantwortung, aber die Krise hat multiple Ursachen: Versailler Vertrag, Weltwirtschaftskrise (USA-Crash 1929), Konstruktionsfehler der Verfassung, Verhalten der konservativen Eliten. Hitler blendet bewusst aus, dass auch sein eigenes Verhalten (Blockadepolitik der NSDAP im Reichstag, Straßengewalt der SA) zur politischen Lähmung beiträgt. Die Aussage ist demagogisch, weil sie eine komplexe Lage auf einen Schuldigen reduziert.
Die Wahlergebnisse zeigen ein dramatisches Bild: Die Verfassungsparteien der Weimarer Koalition (SPD, DDP/Staatspartei, Zentrum, BVP) verlieren stetig an Zustimmung, die Ränder gewinnen, vor allem die NSDAP ab 1930.
| Wahl | Datum | Verfassungsparteien | NSDAP | KPD |
|---|---|---|---|---|
| Nat.-Vers. | 19.1.1919 | 76,2 % | — | 5,9 % (USPD) |
| 1. Reichstag | 6.6.1920 | 47,7 % | — | 2 % |
| 2. Reichstag | 4.5.1924 | 43,6 % | (Völkische 6,5 %) | 12,6 % |
| 3. Reichstag | 7.12.1924 | 49,8 % | 3 % | 9 % |
| 4. Reichstag | 20.5.1928 | 49,8 % | 2,6 % | 10,6 % |
| 5. Reichstag | 14.9.1930 | 42,8 % | 18,3 % | 13,1 % |
| 6. Reichstag | 31.7.1932 | 37,9 % | 37,3 % | 14,3 % |
| 7. Reichstag | 6.11.1932 | 36,3 % | 33,1 % | 16,8 % |
| 8. Reichstag | 5.3.1933 | 33,3 % | 43,9 % | 12,3 % |
Nach den Krisenjahren 1919 bis 1923 (Hyperinflation, Putschversuche, Ruhrbesetzung) folgt eine Phase relativer Stabilität. Aber waren sie wirklich so golden?
Mit dem Schwarzen Donnerstag (24.10.1929, NY-Börsencrash) endet die Phase. US-Banken fordern ihre Kredite zurück, deutsche Firmen gehen pleite, die Arbeitslosigkeit explodiert. Ab da: Weltwirtschaftskrise und beginnende Zerstörung der Republik.
Eine differenzierte Antwort gehört in jede Klausur: Ja und Nein. Oberflächlich gab es echten Aufschwung in Wirtschaft, Kultur und Außenpolitik. Aber die Stabilität war fragil und auf Pump, das Land blieb gespalten zwischen modernen Großstädten und konservativem Land, und die Demokratie war nicht ausreichend in der Bevölkerung verankert. Sobald die wirtschaftliche Grundlage wegbrach, brach auch die politische Stabilität zusammen.
Genau dieser Bereich ist Brenners Hausaufgabe gewesen. Die Frage: Woran zeigt sich, dass die Weimarer Republik in ihrer Endphase schon sehr geschwächt war? Es geht um politische Krisenzeichen, nicht primär um die Wirtschaft (auch wenn die Wirtschaftskrise der Auslöser war).
Die Große Koalition (SPD, Zentrum, DDP, DVP) zerbricht am Streit über die Arbeitslosenversicherung. Letzte parlamentarische Mehrheitsregierung der Weimarer Republik.
Hindenburg ernennt Brüning ohne Reichstagsmehrheit. Regierung per Notverordnung (Art. 48). Die parlamentarische Demokratie wird systematisch umgangen. Wenn der Reichstag eine Notverordnung ablehnt, wird er aufgelöst.
Sprung von 2,6 auf 18,3 Prozent. Wirtschaftskrise treibt Wähler in Extrempositionen. Eine Koalition ohne NSDAP oder KPD wird arithmetisch fast unmöglich.
Deflationspolitik per Notverordnung: Löhne runter, Sozialleistungen runter, Steuern hoch. Ziel: Reparationen loswerden. Folge: Massenarbeitslosigkeit, soziale Not, Vertrauen in den Staat schwindet, radikale Kräfte profitieren.
Brünings Regierung verbietet die SA wegen ihrer Straßengewalt. Hindenburgs Umfeld ist gegen das Verbot.
Hindenburgs persönliches Umfeld (Großagrarier, Offiziere, Bankiers) intrigiert gegen Brüning. Sie wollen schnelleren autoritären Umbau und sehen ihre Wirtschaftsinteressen bedroht. Die Regierung hängt nicht mehr vom Reichstag ab, sondern vom Reichspräsidenten und seiner „Kamarilla".
Adelige Konservative, parteilos, ohne jede Reichstagsmehrheit. Aufhebung des SA-Verbots. Die Eskalation der Straßengewalt geht weiter.
Reichsregierung setzt die rechtmäßige preußische SPD-Regierung per Art. 48 ab und übernimmt die Macht. Die wichtigste noch demokratisch regierte Landesregierung wird ausgeschaltet. Verfassungsbruch ohne Konsequenzen.
NSDAP wird mit 37,3 Prozent stärkste Partei. Wahlkampf von Gewalt geprägt (über 300 Tote). NSDAP und KPD haben zusammen die Mehrheit, eine regierungsfähige Mehrheit ist strukturell ausgeschlossen.
NSDAP verliert leicht, bleibt aber stärkste Partei. Misstrauensvotum der KPD gegen Papen. Reichstag aufgelöst.
Versuch, NSDAP zu spalten und linken Flügel der NSDAP einzubinden. Scheitert. Papen intrigiert gegen Schleicher und überzeugt Hindenburg, Hitler zum Kanzler zu machen.
Hindenburg, fast 86 Jahre alt, ernennt Hitler. Sein Umfeld ist überzeugt: ein konservatives Kabinett kann Hitler „einrahmen". Falsche Annahme. Ende der Weimarer Republik, Beginn der NS-Diktatur.
Die Weimarer Republik scheiterte nicht an einem einzelnen Ereignis, sondern an einem Zusammenspiel aus strukturellen Schwächen der Verfassung, dem Erbe der nicht erneuerten Eliten, der Wirtschaftskrise und einer politischen Klasse, die ab 1930 bereit war, die Demokratie aktiv auszuhöhlen. Hitler wurde Kanzler, weil konservative Eliten ihn ins Amt brachten, in der falschen Überzeugung, ihn kontrollieren zu können.
Geh diese Liste durch und hak ab, was du sicher kannst. Was offen bleibt, schaust du dir nochmal genauer an.